Das Ende der Caribia
Ich habe ein Segelboot. Um es genau zu nehmen hatte ich eins und habe jetzt nur noch ein Entsorgungsproblem.
Ich habe hier nie dazu geschrieben, aber ich habe mir im Spätsommer 2023 die Caribia gekauft, eine niederländische Segelyacht aus Stahl. Gebaut in den 60er Jahren, wunderschön, mit einem kassischen Schnitt mit Langkiel. Der Innenausbau war aus Holz mit viel Charme, wenn auch an der einen oder anderen Stelle abgewetzt und verbastelt. Relativ große Fenster und die Stehhöhe im Innenraum sorgten für eine große Gemütlichkeit.
Wer mehr über dieses Boot erfahren will der*die kann auf der Webseite eines der Vorbesitzer einiges dazu finden.
Der Voreigner der Caribia hat sie verkauft, da er selbst kaum dazu kam damit zu zu Segeln und die Kosten und Aufwände dazu in keinem angebrachten Verhältnis standen. Mir ging es seitdem ähnlich, ich habe viel an dem Boot gemacht, teilweise auch machen lassen, war aber kaum damit unterwegs. Ich habe schon das Gefühl mit ein paar der Arbeiten größere Themen etwas langfristiger gelöst zu haben, aber insgesamt habe ich den klassischen Ich kaufe mein erstes Boot Fehler begangen und laufende Arbeit, Kosten und auch Organisationsaufwand rund um Liegeplatz, Winterlager und regelmäßiges nach dem Rechten sehen dramatisch unterchätzt. Zwischendurch hatte ich das Boot schon wieder zum Verkauf inseriert, da gab es aber nur ein ganz paar Anfragen und bis zu einem Besichtigungstermin ist es bei keiner davon gekommen.
Diesen Winter stand gar nicht mehr viel auf der Aufgabenliste bevor es rund um den Monatswechsel März / April zurück ins Wasser und dann zu einem neuen Liegeplatz an der Elbe - deutlich näher an meinem Zuhause - gehen sollte. Wohlgemerkt außen rum über den Nord-Ostsee Kanal und Hamburg statt den direkten Weg über den Elbe-Lübeck Kanal, der nämlich auf Grund langjähriger Vernachlässigung von Infrastrukturinvestitionen seit Monaten gesperrt ist (erwähnte ich schon, dass ich die organisatorischen Themen unterschätzt hatte?). Es gab ein paar Stellen, die entrostet und mit Rostschutzfarbe behandelt werden sollten, die übliche Erneuerung des Anti-Fouling Anstrichs unter der Wasserlinie und drei Stellen, für die ich einen Freund1 gebeten hatte alte Öffnungen im Bootsrumpf zu schweißen. An der Elbe kenne ich niemanden mit Schweißkenntsnissen und das professionell machen zu lassen würde dann doch deutlich ins Geld gehen (erwähnte ich schon, dass ich die Kosten für Instandhaltung deutlich unterschätzt hatte?). Jedes Loch, das zugeschweißt ist ist mir lieber als eine irgendwie abgedichtete Öffnung, die sich mehr oder weniger plötzlich zum Problem entwickeln könnte.
Ich hatte eine alte Logge (misst die Geschwindigkeit durchs Wasser) bereits einige Tage vorher demontiert. Die Logge sieht aus wie ein kleiner Propeller und dreht eine flexible Welle sich in einer Hülse. Der Tacho der am Ende mal montiert war existiert nicht mehr und als ich im Sommer das Ende der Welle im Boot mal unterhalb der Wasseroberfläche plaziert habe konnte ich leise Tropf-Geräusche hören. Der Freund hat draußen geschweißt, ich stand drinnen mit Feuerlöschern zur Brandwache bereit. Danach ging es zu Problemstelle zwei: ein kleiner Rohrstumpf, der ca. 10 cm ins Bootsinnere reicht und dort mit einer irgendwie abgedichteten Mutter verschlossen ist. Der Vor-voreigner hat mal in einem Telefonat eine früher verbaute Gas-Anlage erwähnt. Vermutlich war dies der Notfall-Ablauf, damit sich austretendes Gas nicht im Boot sammeln kann (Das gas aus den üblichen Gasflaschen ist schwerer als Luft), sondern bei einem Gasleck dadurch abfließen könnte. Die Gasanlage gibt es schon lange nicht mehr und dieser Rohr lässt sich nicht ordentlich gegen Rost behandeln. Hier sollte also auch eine kleine Platte von außen vor das Loch geschweißt werden, ich könnte dann im nächsten Winter in Ruhe von innen die Reste des Rohres abflexen und die Stelle mit Farbe und Spachtelmasse bearbeiten. Der Rohrstumpf endet innen in einer Backskiste unter den Bänken im Cockpit. Die Backskiste war mit Wänden aus Holz zum Motorraum und zu den anderen Backskisten abgetrennt. Ich räumte die Backskiste frei und stand als Brandwache im Cockpit bereit, der Freund schweißte wieder von außen. Drinnen zeichnete sich die Schweißnaht durch Verfärbung des Lackes ab, teilweise platzte der Lack auch komplett auf. Nichts ungewöhnliches. Als von unten der “so, das hätten wir” Ruf ertönte ging ich nochmal ins Boot um einen Schluck zu trinken, warf noch einen Blick in die Backskiste und ging dann runter um mich vorne am Boot mit der Rostschutzfarbe um ein paar weitere Stellen zu kümmern. Der Freund widmete sich noch einem kleinen Riss im Ruderblatt und fluchte viel da an der Stelle das Metall sehr dünn war und beim Schweißen immer weiter weg brannte. Er bekam den Riss dann doch noch gut zu und als ich zum bestaunen kam wunderten wir uns, dass es pritzelnde Geräusche gab. Diese schienen nicht aus dem Ruder zu kommen, wo es wegen der Restfeuchtigkeit darin beim Schweißen ein paar Geräusche gab, sondern von über uns.
Es brannte. Nicht nur in der Backskiste, auch im Motorraum waren Flammen zu sehen. Ich sprang in die Kajüte um von dort zu löschen, der Freund rief weitere Leute aus dem Hafen herbei. Schnell war klar, dass wir das Feuer nicht gelöscht bekamen, und da mit den Flammen im Motorraum auch die Gefahr bestand, dass der Dieseltank aus Kunststoff schmolz und das Feuer sich mit Stichflamme (oder Explosion?) weiter ausbreitete sind wir schnell von Bord gegangen um uns zu schützen. Ein weiterer Feuerlöscher wurde noch von der Leiter aus in das Feuer entleert, hat aber kaum noch was gebracht. Wir haben dann mit einem der Wasserschläuche aus dem Hafen weiter gelöscht so gut es ging, die Feuerwehr alamiert und zwei Autos aus der Umgebung des Bootes weg geparkt. Drumherum war zum Glück viel Platz. Noch im Jahr davor standen die Boote dort recht dicht beieinander, aber in diesem Jahr war viel Platz und daher auch keine Gefahr, dass das Feuer auf andere Boote übergreifen würde.
Die Feuerwehr hat zunächst das mitgebrachte Löschwasser verwendet, dann ging das große Suchen nach Hydranten in der Umgebung los und schließlich wurde eine Pumpe auf dem Steg plaziert und Löschwasser aus der Trave gepumpt. Später war dann auch das Feuerwehrschiff Senator Emil Peters im Hafen und hat ebenfalls Löschwasser gepumpt. Die Feuerwehrleute waren zunächst an Bord zum löschen. Als klar war, dass sehr viel Wasser im Boot landen würde hat irgendwer die Frage aufgeworfen, ob der Hafentrailer denn auch das Boot mit zusätzlichem Gewicht wegen des ganzen Löschwassers sicher tragen könnte und ab da wurden die weiteren Löscharbeiten von einem nahestehenden Lagercontainer aus sowie dem Leiterwagen mit minimal hochgefahrener Leiter aus weiter durchgeführt.
Letztlich wurde das gesamte Boot mit Löschwasser und -schaum geflutet um den Brand zu löschen. Eine Person der Lübecker Umweltbehörde war vor Ort und hat veranlasst, das wir mit dem Hafenmeister gemeinsam die Gullis mit Plane soweit abgedichtet haben, dass der Löschschaum dort nicht reinfließt. Dann war es schon Abend, irgendwer hatte Abendessen beim Imbiss besorgt und der ganze Trubel war vorbei. Mein Autoschlüssel, Schlüssel, Portemmonaie und die Wechselklamotten lagen im Boot, so dass ich mit dem Zug zurück gefahren bin.
Das war mein Mittwoch.
Einige Tage später war ich wieder beim Boot. Die Polizei war zur Brandursachenermittlung da und als dazu alles besprochen war habe ich drumherum etwas aufgeräumt und mit Gummistiefeln und Handschuhen die Überreste meines Portemmonaies geborgen. Ein Schein ist noch komplett in Ordnung, ein paar weitere sind noch erkennbar als das, was sie mal waren. Damit gehe ich dann mal zur Bank und gucke ob ich das noch irgendwie ersetzt bekommen kann. Führerschein, Perso und Bankkarte taugen immerhin noch als Merkzettel, was ich alles neu beantragen muss. Alles andere was an Bord war ist hin.
Jetzt steht noch die Entsorgung an und ich hoffe, dass das ohne gigantisch viel Stress und Kosten über die Bühne geht.
Ihr könnt mich via E-Mail oder Mastodon kontaktieren.
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Hier auf eigene Bitte nicht namentlich genannt ↩